Der Mensch im Soldaten
Beitrag von Mag. Günther Zier, Psychologe
Auf dem Franzosenfriedhof wurden Menschen
begraben. Es soll uns immer im Bewusstsein bleiben, dass es Menschen
sind, die dort bestattet wurden.
Auch wenn der Mensch tot ist, will ich vom
Menschen sprechen und an ihn denken. Der Tod ist ein wesentlicher Teil
des Menschlichen und auch wenn der Mensch im Kampf getötet wurde, will ich
den Menschen sehen und so an ihn denken. Und die vielen Soldatengräber am
Franzosenfriedhof dürfen uns nicht vergessen lassen, dass es Menschen
sind, die dort begraben wurden.
Oft sprechen wir diese Menschen als „Soldaten“ an,
viel zu oft! Wenn wir so sprechen, wird der Mensch in diesem Soldaten aus
unserem Bewusstsein verdrängt und der Soldat als Ding, als Sache, rückt in
den Vordergrund.
Wodurch unterschied sich 1809 der „Soldat“ vom Menschen?
Ein Soldat stirbt nicht,
er „fällt“. Auch wird er nicht verletzt, er wird „verwundet“ und er liegt
nicht im Krankenhaus, sondern im „Lazarett“. Ein gestorbener Mensch in
Soldatenuniform wird als „Gefallener“ bezeichnet. Mit diesen Begriffen wird
der Soldat aus der der Menschlichkeit ausgeklammert. Wenn wir nun
Menschen als „Soldat“ benennen, stimmen wir zum Teil der Entmenschlichung zu.
Für die herrschende
Schichte war vermutlich der Soldat kein Mensch – nur eben ein Soldat, der
sein Leben verkauft hat. Die Menschenrechte waren damals ein zartes
Pflänzchen, und ob der Soldat Rechte hatte? Vermutlich nicht, ein Soldat
hatte nur Pflichten.
Ein Soldat muss / kann
alles ertragen. Körperlicher Schmerz, psychische Pein und Kummer um
Angehörige, bzw. Freunde – diese Erlebnisse wurde niemals einem Soldaten
zugesprochen. „Wenn er das nicht erträgt, dann soll er halt krepieren“, höre
ich jetzt einen Herrscher reden.
Der gemeine Soldat ist
kein Mensch. Der Soldat ist dazu da, Andere umzubringen, ohne Rücksicht auf
das eigene Leben. Der Mensch beginnt erst beim Offizier. Der darf auch nicht
getötet werden – auch nicht vom Feind. So einfach waren damals die Rechte
Soldaten.
Wie ging es dem Menschen als Soldat?
Die bunten Uniformen als Symbol der Macht des Herrschers
Die Bilder der inszenierten Schlachtszenen (Marchegg
2009) zeigen viele bunte Uniformen. Es sind Figuren, die hier zu sehen sind,
weniger das Menschliche.
Die bunten Uniformen der
Soldaten schmücken ungemein. Erinnerungen an Karnevalsumzüge der Gegenwart
werden in manchen Personen geweckt. Aber damals, vor 200 Jahren dachte beim
Anblick der schmucken Uniformen keiner an Entertainment! Sondern an
Pflichterfüllung, Tod und Leid.
Mir kommt die Idee, dass die Uniformen eher ein
Aufhübscher für die Herrscher waren: Je prächtiger die Unform, umso größer
Macht und Einfluss des Herrschers. Zum Kämpfen dürften die Uniformen eher
schlecht geeignet gewesen sein.
Symbolisch sind auch die großen, hohen
Kopfbedeckungen der Soldaten: Damit wird Größe vorgetäuscht, Mehr‑Sein wird
gewünscht, auch wenn damit nur der Gegner getäuscht wird. Fraglich ist, wie
sich solch hübsches Beiwerk im Kampf anfühlt. Eher ein Signal für den Feind
und Vergrößerung des Zielobjektes und leichteres Ausmachen des Ziels. Eine
Schutzfunktion für den verletzlichen Menschen ist nicht vorhanden.
Bei Betrachtung des damaligen Uniformkultes drängt
sich der Gedanke auf: Der Mensch, der in diesen prächtigen Kleidungsstücken
steckt, ist den Herrschern egal. Der Soldat hat zu gehorchen, seine Pflicht
zu erfüllen, für Ehre und Vaterland; auch zu sterben! Vermutlich hat niemand
daran gedacht, dass ein Soldat mit der Signalwirkung seiner Uniform viel
leichter getötet werden kann. Die Elite-Schicht hätte es damals als Schmach
erlebt, wenn sich ihre Soldaten durch Tarnbekleidung und eine kleine
Silhouette im Schlachtfeld unsichtbar gemacht, versteckt hätten. Wie hätte
denn mit „unsichtbaren“ Soldaten auf dem Schlachtfeld geprotzt und imponiert
werden können?
Die Hitze an dem Schlachttagen
Am 5. und 6. Juli 1809 war es heiß. So heiß, wie es
immer im Marchfeld im Sommer ist (30-35°). Jeder der schon zwischen den
reifen Getreidefeldern im Marchfeld arbeiten musste, kennt das: Brütende
Hitze, flimmernde Luft und eine krachdürre Vegetation lassen Einem an einen
Backofen denken. Für die Menschen in ihren Uniformen – vielleicht ein
Vorgeschmack an die Hölle.
Die Hitze war vermutlich genau so bösartig wie die
Kanonen des Feindes. Die Menschen kämpften gegen Hitzschlag, Dehydration (Erklärung)
und Unmengen von Fliegen. Ob die Versorgungstruppe die geforderten 5 Liter
Wasser / Tag für jeden Soldaten bereitstellen konnte? Wohl kaum! Also
plagten die Soldaten auch großen Durst, verstärkt noch durch den hohen
Alkoholkonsum vom Vorabend.
Die hübschen Unformen waren wahrscheinlich unangenehm
heiß. Ausziehen war sicher nicht erlaubt. „Wo kämen wir dahin, wenn sich
Soldaten ausziehen dürften“, höre ich jetzt einen x-beliebigen Offizier in
den Schlachtreihen nörgeln und es wäre eine Ehre in der Uniform des Reiches
für den Kaiser XY zu sterben.
Schon jede einfache Arbeit und erst recht
Kampfhandlungen waren bei der Hitze und dem Wassermangel doppelt so schwer.
Die Anstrengung der Artillerie-Soldaten muss enorm gewesen sein. Eine
richtige Plackerei: die schweren Kanonen in Stellung zu bringen, das
ständige Schleppen der schweren Geschoße und das Laden der Geschütze mit
Kilos Schwarzpulver.
Aber
möglicherweise hatten die Kanoniere ausreichend Wasser, denn die Kanonen
mussten nach jedem Schuss mit Wasser innen gründlich gereinigt werden.
Verbleibende Glimm-Reste des Schießpulvers hätte die neue Ladung sofort
entzündet. Fraglich ist, ob die Mannschaft von den Wasservorräten auch
trinken durfte.
Unsere
Feuerwehrleute kennen das Gefühl, bei sommerlicher Hitze in warmer Kleidung
zu arbeiten. Die neue Brandeinsatz-Bekleidung („KW 40“ genannt) isoliert gut
gegen Hitze von außen, aber lässt auch die Wärme von innen nicht heraus – es
kommt sehr schnell zu einem Hitzestau mit Körpertemperaturen von 40 Grad bei
anstrengenden Einsätzen. Daher sollte nur 10 Minuten Einsatzzeit eingehalten
werden, wenn es über 30 Grad hat.
Todesangst
Der Kampf führt zum Tod! So einfach war das Konzept
im Krieg. Wenn nicht gleich tot, so führte der Kampf zu Verletzungen und
damals konnte schon die kleinste Verwundung zum Tod führen. Von einer
effektiven medizinischen Versorgung war nicht mal im Ansatz etwas zu
erkennen, die „beste“ Wundversorgung bestand im Abschneiden der verletzten
Gliedmaßen.
Die Angst war das vorherrschende Gefühl der Menschen
in der Schlacht, ein Ausweichen oder Flüchten war nicht möglich; das
verhinderten schon die Offiziere, die höchstwahrscheinlich jeden Deserteur
sofort mit dem Säbel richteten.
Dazu kam noch Schlafentzug. Hellwach waren die
Soldaten in der Nacht vor der Schlacht und zwischen den Schlachttagen war an
Schlafen nicht zu denken. Also stolperten die Soldaten schlaftrunken,
Alkohol-imprägniert und mit panischer Angst in die Schlacht. Schier
wahnsinnig vor Angst, zitterten sie so stark, dass das Laden der Gewehre
sehr schwierig war und viel Zeit brauchte. An ein genaues Zielen war gar
nicht zu denken!
Gut gefühlt haben sich die Wenigsten - vielleicht die
Heerführer, die sich wegen ihrer aufmarschierenden Regimenter voller Stolz
an die Brust klopften.
Psychisches Trauma
Wer nicht im Kampf getötet wurde,
musste mit den psychischen Nachwirkungen des Erstechens, Niedersäbelns und
Zerfetzt-Werdens weiterleben.
Die körperliche Erschöpfung und
kleinen Blessuren waren noch relativ einfache Restposten der Schlacht, mit
denen die Menschen leben und fertigwerden mussten.
Sehr viel schlimmer waren die
psychischen Nachwirkungen des Massakers: Ständiges Wiederaufleben der
Kampfszenen als innere Bilder und das über Wochen und Monate lang.
Halluzinationen, Wahnvorstellungen, sowie Angst- u. Panikattacken in den
Monaten nach der Schlacht blockierten eine Rückkehr in ein normales Leben.
Dagegen sind die „leichten“ Störungen der Wahrnehmung
vergleichsweise harmlos, wie ständiger Leichengeruch in der Nase, Störungen
des Gehörsinnes durch das Kanonen- und Musketenfeuer.
Aber damit nicht genug! Die
Heimkehrer brachten den Krieg in Gedanken mit nach Hause und die Angehörigen
bekamen sehr deutlich das Furchtbare der Schlacht zu spüren:
Unverträglichkeit, Aggressivität und hohe Gewaltbereitschaft, Unfähigkeit zu
Kompromissen im sozialen Kontakt, sowie Einzelgänger-Tendenzen brachten die
ehemaligen Soldaten in ihre Familien und Dörfer bzw. Städte zurück.
(Auch Obersiebenbrunn kennt einen Mann, der mit psychischen
Schäden aus dem 2. Weltkrieg heimkam und sich nicht mehr in die Gesellschaft
einfügen konnte; „Michel“ genannt.)
Das Fatale an diesen psychischen
Einschränkungen: Auch die Nachfolgegeneration spürte noch Nachwirkungen der
Schlachterlebnisse und wurde in ihrer Entwicklung blockiert. Rache-Denken,
Sühne der Schmach und Forderung nach harten Wiedergutmachungen sind
sichtbare / hörbare Zeichen dieser Wirkung. Darin liegt der Keim für die
nächsten Kriegsereignisse.
Alle diese stark veränderten
Erlebnisweisen nach einem schrecklichen Ereignis werden mit dem Begriff
„Posttraumatische Belastungsstörung“
bezeichnet – ein sehr junger Begriff.
In dieser Form taucht er erst nach
dem Vietnam-Krieg der USA (1965–75) auf. Vorher gab es nur vereinzelte
Forscher, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigten, die Menschen litten
garantiert auch schon früher daran. Es konnte nicht erkannt werden, denn
wenn alle mit dem Trauma „Krieg“ belastet sind, fällt niemand auf, dass
irgendetwas nicht stimmt. So auch nach den Weltkriegen: Wenn alle
Überlebenden um die Existenz ringen, fragt keiner nach den inneren
Spannungen und Fehlwahrnehmungen; Hauptsache es gibt etwas zu Essen und ein
Dach über den Kopf. Erst als die Vietnam-Veteranen heimkamen, blickte die
kaum vom Krieg belastete USA-Gesellschaft auf die „schrägen Vögel“ und
stellte Abweichungen von der Norm fest.
Literatur:
Mitchell, Jeffrey T., Everly, George S., Igl, Andreas und Schiwek,
Ingeborg, Streßbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SBE) -
ein Handbuch zur Prävention psychischer Traumatisierung in Feuerwehr,
Rettungsdienst und Polizei, Edewecht [u.a.]: Stumpf und Kossendey, 1998.
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