Soldat als Mensch
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Der Mensch als Soldat

In erster Linie ist der Soldat ein Mensch. Das nachfolgende Bild zeigt die Menschen in der Soldatenuniform, zeigt das Gesicht in der Uniform; soll daran erinnern, dass dies Menschen sind, mit Frauen, Kindern und Freunden. Dieser Text soll kurz aufzeigen, wie der Mensch die Schlacht 1809 erlebte und wie diese Erlebnisse noch lange nachwirkten.

Die Soldaten hatten panische Angst, Todesangst. Die Hitze setzte ihnen sehr zu und die Versorgung der Verwundeten war sehr schlecht. Als Mensch wurde der Soldat nicht respektiert.

Besonders schwierig für die Überlebenden war die innere Verarbeitung des psychischen Traumas. Das unsagbaren Leid, das Erschlagen, Niedersäbeln und Zerfetzt-Werden hinterließ deutliche Narben an der Psyche der Beteiligten der Schlacht.

Foto: A.Prenner (inszenierte Schlachtdarstellung in Marchegg 2009)

Der Mensch im Soldaten

Beitrag von Mag. Günther Zier, Psychologe

Auf dem Franzosenfriedhof wurden Menschen begraben. Es soll uns immer im Bewusstsein bleiben, dass es Menschen sind, die dort bestattet wurden.

Auch wenn der Mensch tot ist, will ich vom Menschen sprechen und an ihn denken. Der Tod ist ein wesentlicher Teil des Menschlichen und auch wenn der Mensch im Kampf getötet wurde, will ich den Menschen sehen und so an ihn denken. Und die vielen Soldatengräber am Franzosenfriedhof dürfen uns nicht vergessen lassen, dass es Menschen sind, die dort begraben wurden.

Oft sprechen wir diese Menschen als „Soldaten“ an, viel zu oft! Wenn wir so sprechen, wird der Mensch in diesem Soldaten aus unserem Bewusstsein verdrängt und der Soldat als Ding, als Sache, rückt in den Vordergrund.

Wodurch unterschied sich 1809 der „Soldat“ vom Menschen?

Ein Soldat stirbt nicht, er „fällt“. Auch wird er nicht verletzt, er wird „verwundet“ und er liegt nicht im Krankenhaus, sondern im „Lazarett“.  Ein gestorbener Mensch in Soldatenuniform wird als „Gefallener“ bezeichnet. Mit diesen Begriffen wird der Soldat aus der der Menschlichkeit ausgeklammert. Wenn wir nun Menschen als „Soldat“ benennen, stimmen wir zum Teil der Entmenschlichung zu.

Für die herrschende Schichte war vermutlich der Soldat kein Mensch – nur eben ein Soldat, der sein Leben verkauft hat. Die Menschenrechte waren damals ein zartes Pflänzchen, und ob der Soldat Rechte hatte? Vermutlich nicht, ein Soldat hatte nur Pflichten.

Ein Soldat muss / kann alles ertragen. Körperlicher Schmerz, psychische Pein und Kummer um Angehörige, bzw. Freunde – diese Erlebnisse wurde niemals einem Soldaten zugesprochen. „Wenn er das nicht erträgt, dann soll er halt krepieren“, höre ich jetzt einen Herrscher reden.

Der gemeine Soldat ist kein Mensch. Der Soldat ist dazu da, Andere umzubringen, ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Der Mensch beginnt erst beim Offizier. Der darf auch nicht getötet werden – auch nicht vom Feind. So einfach waren damals die Rechte Soldaten.

 

Wie ging es dem Menschen als Soldat?

Die bunten Uniformen als Symbol der Macht des Herrschers

Die Bilder der inszenierten Schlachtszenen (Marchegg 2009) zeigen viele bunte Uniformen. Es sind Figuren, die hier zu sehen sind, weniger das Menschliche.

Die bunten Uniformen der Soldaten schmücken ungemein. Erinnerungen an Karnevalsumzüge der Gegenwart werden in manchen Personen geweckt. Aber damals, vor 200 Jahren dachte beim Anblick der schmucken Uniformen keiner an Entertainment! Sondern an Pflichterfüllung, Tod und Leid.

Mir kommt die Idee, dass die Uniformen eher ein Aufhübscher für die Herrscher waren: Je prächtiger die Unform, umso größer Macht und Einfluss des Herrschers. Zum Kämpfen dürften die Uniformen eher schlecht geeignet gewesen sein.

Symbolisch sind auch die großen, hohen Kopfbedeckungen der Soldaten: Damit wird Größe vorgetäuscht, Mehr‑Sein wird gewünscht, auch wenn damit nur der Gegner getäuscht wird. Fraglich ist, wie sich solch hübsches Beiwerk im Kampf anfühlt. Eher ein Signal für den Feind und Vergrößerung des Zielobjektes und leichteres Ausmachen des Ziels. Eine Schutzfunktion für den verletzlichen Menschen ist nicht vorhanden.

Bei Betrachtung des damaligen Uniformkultes drängt sich der Gedanke auf: Der Mensch, der in diesen prächtigen Kleidungsstücken steckt, ist den Herrschern egal. Der Soldat hat zu gehorchen, seine Pflicht zu erfüllen, für Ehre und Vaterland; auch zu sterben! Vermutlich hat niemand daran gedacht, dass ein Soldat mit der Signalwirkung seiner Uniform viel leichter getötet werden kann. Die Elite-Schicht hätte es damals als Schmach erlebt, wenn sich ihre Soldaten durch Tarnbekleidung und eine kleine Silhouette im Schlachtfeld unsichtbar gemacht, versteckt hätten. Wie hätte denn mit „unsichtbaren“ Soldaten auf dem Schlachtfeld geprotzt und imponiert werden können?

Die Hitze an dem Schlachttagen

Am 5. und 6. Juli 1809 war es heiß. So heiß, wie es immer im Marchfeld im Sommer ist (30-35°). Jeder der schon zwischen den reifen Getreidefeldern im Marchfeld arbeiten musste, kennt das: Brütende Hitze, flimmernde Luft und eine krachdürre Vegetation lassen Einem an einen Backofen denken. Für die Menschen in ihren Uniformen – vielleicht ein Vorgeschmack an die Hölle.

Die Hitze war vermutlich genau so bösartig wie die Kanonen des Feindes. Die Menschen kämpften gegen Hitzschlag, Dehydration (Erklärung) und Unmengen von Fliegen. Ob die Versorgungstruppe die geforderten 5 Liter Wasser / Tag für jeden Soldaten bereitstellen konnte? Wohl kaum! Also plagten die Soldaten auch großen Durst, verstärkt noch durch den hohen Alkoholkonsum vom Vorabend.

Die hübschen Unformen waren wahrscheinlich unangenehm heiß. Ausziehen war sicher nicht erlaubt. „Wo kämen wir dahin, wenn sich Soldaten ausziehen dürften“, höre ich jetzt einen x-beliebigen Offizier in den Schlachtreihen nörgeln und  es wäre eine Ehre in der Uniform des Reiches für den Kaiser XY zu sterben.

Schon jede einfache Arbeit und erst recht Kampfhandlungen waren bei der Hitze und dem Wassermangel doppelt so schwer. Die Anstrengung der Artillerie-Soldaten muss enorm gewesen sein. Eine richtige Plackerei: die schweren Kanonen in Stellung zu bringen, das ständige Schleppen der schweren Geschoße und das Laden der Geschütze mit Kilos Schwarzpulver.

Aber möglicherweise hatten die Kanoniere ausreichend Wasser, denn die Kanonen mussten nach jedem Schuss mit Wasser innen gründlich gereinigt werden. Verbleibende Glimm-Reste des Schießpulvers hätte die neue Ladung sofort entzündet. Fraglich ist, ob die Mannschaft von den Wasservorräten auch trinken durfte.

Unsere Feuerwehrleute kennen das Gefühl, bei sommerlicher Hitze in warmer Kleidung zu arbeiten. Die neue Brandeinsatz-Bekleidung („KW 40“ genannt) isoliert gut gegen Hitze von außen, aber lässt auch die Wärme von innen nicht heraus – es kommt sehr schnell zu einem Hitzestau mit Körpertemperaturen von 40 Grad bei anstrengenden Einsätzen. Daher sollte nur 10 Minuten Einsatzzeit eingehalten werden, wenn es über 30 Grad hat.

Todesangst

Der Kampf führt zum Tod! So einfach war das Konzept im Krieg. Wenn nicht gleich tot, so führte der Kampf zu Verletzungen und damals konnte schon die kleinste Verwundung zum Tod führen. Von einer effektiven medizinischen Versorgung war nicht mal im Ansatz etwas zu erkennen, die „beste“ Wundversorgung bestand im Abschneiden der verletzten Gliedmaßen.

Die Angst war das vorherrschende Gefühl der Menschen in der Schlacht, ein Ausweichen oder Flüchten war nicht möglich; das verhinderten schon die Offiziere, die höchstwahrscheinlich jeden Deserteur sofort mit dem Säbel richteten.

Dazu kam noch Schlafentzug. Hellwach waren die Soldaten in der Nacht vor der Schlacht und zwischen den Schlachttagen war an Schlafen nicht zu denken. Also stolperten die Soldaten schlaftrunken, Alkohol-imprägniert und mit panischer Angst in die Schlacht. Schier wahnsinnig vor Angst, zitterten sie so stark, dass das Laden der Gewehre sehr schwierig war und viel Zeit brauchte. An ein genaues Zielen war gar nicht zu denken!

Gut gefühlt haben sich die Wenigsten - vielleicht die Heerführer, die sich wegen ihrer aufmarschierenden Regimenter voller Stolz an die Brust klopften.

Psychisches Trauma

Wer nicht im Kampf getötet wurde, musste mit den psychischen Nachwirkungen des Erstechens, Niedersäbelns und Zerfetzt-Werdens weiterleben.

Die körperliche Erschöpfung und kleinen Blessuren waren noch relativ einfache Restposten der Schlacht, mit denen die Menschen leben und fertigwerden mussten.

Sehr viel schlimmer waren die psychischen Nachwirkungen des Massakers: Ständiges Wiederaufleben der Kampfszenen als innere Bilder und das über Wochen und Monate lang. Halluzinationen, Wahnvorstellungen, sowie Angst- u. Panikattacken in den Monaten nach der Schlacht blockierten eine Rückkehr in ein normales Leben.

Dagegen sind die „leichten“ Störungen der Wahrnehmung vergleichsweise harmlos, wie ständiger Leichengeruch in der Nase, Störungen des Gehörsinnes durch das Kanonen- und Musketenfeuer.

Aber damit nicht genug! Die Heimkehrer brachten den Krieg in Gedanken mit nach Hause und die Angehörigen bekamen sehr deutlich das Furchtbare der Schlacht zu spüren: Unverträglichkeit, Aggressivität und hohe Gewaltbereitschaft, Unfähigkeit zu Kompromissen im sozialen Kontakt, sowie Einzelgänger-Tendenzen brachten die ehemaligen Soldaten in ihre Familien und Dörfer bzw. Städte zurück.

(Auch Obersiebenbrunn kennt einen Mann, der mit psychischen Schäden aus dem 2. Weltkrieg heimkam und sich nicht mehr in die Gesellschaft einfügen konnte; „Michel“ genannt.)

Das Fatale an diesen psychischen Einschränkungen: Auch die Nachfolgegeneration spürte noch Nachwirkungen der Schlachterlebnisse und wurde in ihrer Entwicklung blockiert. Rache-Denken, Sühne der Schmach und Forderung nach harten Wiedergutmachungen sind sichtbare / hörbare Zeichen dieser Wirkung. Darin liegt der Keim für die nächsten Kriegsereignisse.

Alle diese stark veränderten Erlebnisweisen nach einem schrecklichen Ereignis werden mit dem Begriff „Posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnet – ein sehr junger Begriff.

In dieser Form taucht er erst nach dem Vietnam-Krieg der USA (1965–75) auf. Vorher gab es nur vereinzelte Forscher, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigten, die Menschen litten garantiert auch schon früher daran.  Es konnte nicht erkannt werden, denn wenn alle mit dem Trauma „Krieg“ belastet sind, fällt niemand auf, dass irgendetwas nicht stimmt. So auch nach den Weltkriegen: Wenn alle Überlebenden um die Existenz ringen, fragt keiner nach den inneren Spannungen und Fehlwahrnehmungen; Hauptsache es gibt etwas zu Essen und ein Dach über den Kopf. Erst als die Vietnam-Veteranen heimkamen, blickte die kaum vom Krieg belastete USA-Gesellschaft auf die „schrägen Vögel“ und stellte Abweichungen von der Norm fest.

 

Literatur:

Mitchell, Jeffrey T., Everly, George S., Igl, Andreas und Schiwek, Ingeborg, Streßbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SBE) - ein Handbuch zur Prävention psychischer Traumatisierung in Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei, Edewecht [u.a.]: Stumpf und Kossendey, 1998.

 

Eine genauere Darstellung der „Posttraumatischen Belastungsstörung“ ist in einer Fachbereichsarbeit zu finden. Sie enthält auch viele Literaturangaben, 106 Seiten, zahlreiche Abbildungen.

 

Downlaod Inhaltsverzeichnis: Posttraumatische Belastungsstörung

Kompletter Download des Schriftstückes als PDF-Datei, ca. 3 Mb. 

Für den Inhalt verantwortlich:

Mag. Günther Zier, 2283 Obersiebenbrunn, Website: www.g-zier.at
e-mail: guenther.zier@tele2.at

 

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